Ich bin hier zu Hause

Meine Wurzeln liegen in Deutschland und ich lebe gerne hier

Mein Heimat ist dort, wo meine Sprache gesprochen wird, meine Kinder aufwuchsen, meine Enkel leben, meine Freunde sind und meine Nachbarn. Meine Wurzeln sind hier, diese Tatsache gibt mir Halt.

In den 59 Jahren meines Lebens trieb es mich nur selten in einen Flieger, um in die Sonne zu reisen. Viele Jahre lebte ich nahezu jede freie Minuten in Belgien, unserem direkten Nachbarland.  Auch dort hatte ich ein gewisses Heimatgefühl, auch hier konnte ich mich dank einiger Sprachkurse verständigen, aber das war schon recht anstrengend für mich.

Man sagt „die Sprache, in der ich träume, ist meine Heimatsprache. Wenn ich in meiner Landessprache spreche blubbert es einfach aus mir heraus, ich bin spontan, manchmal unüberlegt, emotional. Gegenüber einer in Deutschland aufgewachsenen Person kann ich die Irrtümer ausräumen, meistens…….aber nicht immer. In einem anderen Land und in einer anderen Sprache wäre das wohl um Längen schwieriger.

Zu jeder Zeit war ich frei meinen Aufenthaltsort zu wählen und innerhalb Deutschlands auch meinen Wohnort. Freiwillig bekommt mich hier auch niemand weg, es sei denn……..

Krieg

Krieg macht mir Angst, Brutalität macht mir Angst, Menschen die anderen Menschen/Wesen weh tun machen mir Angst. Die größte Angst ist, dass den Kleinsten etwas angetan wird. Ja, das geschieht tagtäglich in sehr vielen Ländern.

Ich würde so lange in meiner Heimat bleiben wie es für mich einigermaßen gefahrlos möglich ist, aber schon jetzt habe ich Fluchtgedanken, wenn ich an Paris denke und an die mögliche, zu uns herüber schwappenden Gewaltwellen.

Schon jetzt überlege ich in welchem Winkel Deutschlands oder gar im Ausland ein sicherer Ort sein könnte. Ich habe Angst. Angst braucht keine realen Bedingungen, aber diese hier sind verdammt real.

Was aber, wenn ich wirklich fliehen müsste? Was wäre wenn ich jetzt aufbrechen müsste, mit meinen wichtigsten Gegenständen beladen ohne Perspektive und ohne eine Ahnung was mich erwartet?

Das würde bedeuten alles zurück zu lassen. All das was ich angesammelt habe? Wer braucht in dem Fall schon ein Notebook, Festplatten mit Bildern, die mich erinnern an unbelastete Zeiten und an die wunderschönen Landschaften Deutschlands?

Ich müsste alles das, was mir Halt gibt zurück lassen. Mit etwas  Glück würde ich zusammen mit meinen Söhnen und deren Familien flüchten können. Wohin, wo ist es sicher?
Wenn dann jemand ruft und noch ein Zweiter und Dritter und Weitere, dass es in Land X sicher ist, dass ich dort willkommen bin. Ich würde es versuchen, ich habe ja nichts zu verlieren.


Wir haben Gäste in unserem Land

Zu uns, in dieses bisher sichere Land, kommen Menschen, die einen irrsinnig weiten Weg hinter sich haben. Die nach langem Warten entschlossen ihre Flucht umgesetzt haben. Kann wirklich jemand glauben, dass es leicht ist die Heimat zu verlassen, die Sprache, das Land? Kann tatsächlich jemand glauben, dass Frauen (ich habe welche kennen gelernt) mit ihren Kindern in dieses Land kommen, die Sprache erlernen und sich diesem ganzen Mühsal stellen, einfach so aus einer Laune heraus?

Paris

Paris lässt das nahe an uns heran rücken, was viele Länder seit Jahren als ihren Alltag bezeichnen, Gewalt, Zerstörung, Krieg. Paris schaltet plötzlich meine Alarmlampen auf rot! Aus dem unsäglichen Leid in der Ferne, das ich registrierte aber eben auch nicht ändern konnte, ist ein nahendes Unheil geworden.

Von jetzt auf gleich ist alles anders. Mein ins Bett gehen ist anders, mein Aufwachen und meine Wünsche scheinen sich zu verändern. Wandern ist plötzlich so weit weg. Über meinem Denkapparat liegt eine Hülle, eine bleierne Schwere, etwas das Aktionismus geradezu ausschließt.

Bleibt das so?

Ja, ich bin ein emotionaler Mensch, habe wenig Schutzschicht vor meiner Seele und die Ereignisse können in mein Wesen brettern wie ein mit tausend Splittern versehener Pfeil.

Meine Angst entsteht aus den gewaltreichen Aktionen fehlgeleiteter Menschen, die im Namen einer Religion, im Namen Gottes einen blutigen Feldzug führen. Daran beteiligt sind Menschen, die aus europäischen Ländern ausgewandert sind, um zu lernen wie man effektiv Menschen tötet, wie man effektiv Völker in Angst und Schrecken versetzt.

Was aber ist mit unseren eigenen Landsleuten, die anscheinend ohne jede Hemmung Häuser anzünden wo Menschen Schutz suchen möchten? Was ist mit denen, die jetzt nach einem Ventil für ihre Unzufriedenheit suchen, denen die Zuzügler gerade recht kommen?

Eine der Möglichkeiten, die ich als Blogschreiberin habe, ist mich mit meiner Meinung am Weltgeschehen zu beteiligen.

Was kann ich tun?

Gleich gegenüber meiner Wohnung ist eine Flüchtlingsfamilie eingezogen, alles Frauen und ein Kind.

Unsere erste Begegnung war schon eigenartig. Ich stieg nach einer Wanderung aus meinem Auto und am Parkplatzzaun standen die Frauen mit dem Kind und wiesen auf Spike. Ohne Überlegen ging ich mit Spike zu ihnen, die ich das erste Mal sah und sie wichen hinter dem Zaun vor Spike zurück…oder vor mir?

Ich streiche Spike über den Kopf, möchte damit zeigen, dass er ganz lieb ist.
Die Frauen kommen wieder näher. Eine von ihnen spricht Deutsch und wir unterhalten uns kurz über Kind über Hund, nur ein paar Sätze. Überrascht, freundlich, aufgeschlossen.

Jetzt winken sie jedes mal, wenn sie mich sehen und lachen. Sie haben aber weiterhin Respekt vor Spike. Ein Verwandter aus dem Ruhrpott, anscheinend schon lange in Deutschland, besucht die Familie regelmäßig zusammen mit einem weiteren Kind. Auch er ist so freundlich und aufgeschlossen, lebendig in seiner Art und spricht ausgezeichnet deutsch.

Vor ein paar Tagen begegne ich eine der Frauen, sie spricht einige wenige Worte deutsch. Fragt „Wie geht es?“

Ich erfahre, dass sie arabisch, etwas englisch und etwas deutsch spricht und regelmäßig zum Deutschunterricht geht. Es war ein kurzes Gespräch, aber es war ein Gespräch und es war noch viel mehr. Es war eine Annäherung.

Wir leben in einer Zeit, die es erfordert, dass wir Teilnahme zeigen, sonst bleiben wir irgendwann allein mit einer Situation zurück, deren Bewältigung die Menschen aus Syrien schon sehr lange beherrschen, viel besser als wir.

Schließen wir uns mit denen zusammen, die aus Kriegsgebieten kommen, die Leid und Gewalt nur zu gut kennen. Stützen wir sie jetzt, haben wir ggf. später stützende Verbündete gegen Gewalt. Verbünden in einer Gemeinschaft macht stark, alle Beteiligten.

Miteinander ist die einzige Chance, die wir in dieser Welt haben.
Das sagt Eine, die die meisten Lebenssituationen versucht alleine zu bewältigen, die das Alleinsein liebt und braucht.

Tragt Licht in diese Welt, jeder auf seine eigene, natürliche Weise. Auch eine kleine, freundliche Geste gibt unserem Gegenüber unendlich viel Sicherheit.

Verlasst die Straße der Gewalt, zeigt die Flagge der Zuversicht und des Glaubens an das Gute. Das Gute MUSS gewinnen.


Sarah hat in ihrem süßen Blog „Miezenstories – Aus dem Leben zweier Großstadtmiezen“ ebenfalls einen sehr schönen Beitrag zum Thema geschrieben.

Sie stellt die Frage nach dem Sinn gegenseitiger Angriffe:    Die französische Flagge im Profilbild – Hysterie? Doppelmoral? “Falsches” Mitgefühl?

13 Kommentare

  1. Guten Abend ihr Lieben

    ich möchte nicht auf jeden Kommentar eingehen, aber Resonanz geben. Ich hatte keine Erwartung bezüglich irgendeiner Reaktion, dieser Beitrag hätte ebenso gut Menschen zur Kritik anregen können. Es haben die Richtigen gelesen und einige kommentiert, dafür bin ich sehr dankbar.

    Danke an euch und ganz
    Liebe Grüße
    Elke

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  2. Liebe Elke,
    bisher habe ich hier meist nur gelesen. Heute möchte ich Dir Danke sagen für Deinen Text. Er ist sehr beeindruckend und drückt mit klaren Worten das aus, was ich aus ganzem Herzen fühle, aber längst nicht so gut formulieren kann.

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  3. Liebe Elke,
    ich finde das total klasse und mutig, dass du hier in deinem Blog deine Gedanken mitteilst. Mir fehlen teilweise noch die Worte, aber du sprichst mir aus dem Herzen! Wir waren am Samstagmorgen unterwegs zum Bodensee, wo ich mir eine Harfe gekauft habe, als uns die Nachricht von dem Anschlag erreichte. Es wurde dann ein Tag voller Extreme – ich erfüllte mir einen Traum, wir spazierten am friedlichen Bodensee entlang, hatten ein leckeres Essen im Restaurant. Ich darf Musik machen, ich darf wandern und schreiben – ich darf leben und genießen! Und neben uns passiert Schreckliches, neben uns leiden Menschen unvorstellbar. Ich konnte mich erst einmal nicht wirklich freuen. Womit habe ich das verdient? Womit haben die anderen Menschen ihr Leid verdient? Sinnlose Fragen, die ohne Antworten bleiben werden….
    Am Abend stellten wir ein Kerze ins Fenster, nur um irgendwie unser Mitgefühl und unsere Gedanken auszudrücken.
    Wenn Einsiedler fragt, wem das Beten hilft: Mir hilft es manchmal schon. Obwohl ich keinen Gott habe. Es hilft gegen die Angst und das Verzweifeln. Denn soweit darf es nicht kommen!

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  4. wem hilft das beten? könnte denken helfen?
    jeder einzelne von uns muss sich ändern, damit die welt sich ändern kann.
    ich kann nicht verstehen, dass die “gläubigen” einen unsichtbaren gott verehren und eine sichtbare natur töten, ohne zu wissen, dass diese natur, die sie vernichten, dieser unsichtbare gott ist, den sie verehren.

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  5. Danke liebe Elke für die klaren Worte- Ja, es ist auch wieder erschreckend wie gestern wieder
    einige Hohlköpfe versucht haben, rechtes Gedankengut unter das Volk zu tragen. Da schämt
    man sich Deutscher zu sein.

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  6. Klasse geschrieben! Wow! Mir selbst fehlen die Worte zum Bloggen im Moment. Ab und zu reagiere ich eher emotional auf Sachen bei FB, aber auch da halte ich mich im Augenblick lieber zurück. Im Fernsehen versuche ich zu verstehen und Vernunft von Stuss zu unterscheiden, eine gewaltige Aufgabe… liebe Grüße 🙂

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  7. Hallo Elke, jetzt habe ich deinen Beitrag ganz gelesen. Ich bin total deiner Meinung, danke das du das so gut in Worte fassen konntest. Das Gefühl mit der Angst kenne ich. Die letzte Nacht konnte ich kaum schlafen. Immer wieder bin ich wach geworden. Ich hoffe dass das alles nur ein Alptraum ist. Und wie du schon sagst, es ist die plötzliche Nähe welche die Angst verschärft.

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  8. Leider hat es mit dem rebloggen nicht funktioniert. Daher auf diesem Wege. Danke, Elke.

    Bisher habe ich nur Ihren Beitrag geteilt. Ich teile aber auch Ihre Meinung. Niemand von uns kann sich vorstellen wie ein Freund, ein Verwandter, ein Familienangehöriger durch Gewalt sein Leben verliert. Durch Bomben, Minen, Schnellfeuergewehre. Durch Köpfen hingerichtet. Tag und Nacht um sein Leben, oder das geliebter Menschen, zu bangen. Nicht zu wissen ob man diese Nacht überlebt. Niemand von uns hier kann sich das vorstellen. Lasst uns nicht als Übermenschen über Menschen reden, sondern als Mitmenschen mit Menschen. Die Anschläge von Paris sind grausam. Grausam für die, die ihre Angehörigen oder andere geliebte Menschen verloren haben. Sie sind grausam für uns die wir das alles nicht verstehen können und Angst bekommen. Aber sie sind auch grausam für die Flüchtlinge, die diesem Terror entgehen wollten. Er ist näher als sie glaubten UND sie werden mit dafür Verantwortlich gemacht. Das ist nicht Gerecht !!!

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Ich liebe Schwätzchen mit euch, drum kommentiert gerne ;-)

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