Kunstbanause, so würden Kunstkenner mich sicherlich bezeichnen und doch…

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Spricht ein Kunstobjekt mit mir, kann ich es verstehen, was löst es in mir aus? Befasse ich mich derart mit etwas Fremden, hat das Fremde schon fast gewonnen.

So lasse ich mich, ohne sonderliche Vorkenntnisse auf das Abenteuer „Führung durch das P.A. Böckstiegel-Haus“ ein.

Böckstiegelhaus

Zusammen mit Frau Wursthorn von der Gemeinde Werther schlendere ich auf das bunte Haus zu. Noch bevor ich auf dem Zuweg bin, schimmert es farbig durch die Büsche und lässt mich mit einer gewissen Spannung und Erwartungshaltung weiter gehen.

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Zuweg zum Böckstiegelhaus

Rechts am Haus finde ich Skulpturen, die die Familie darstellen. Natürlich handelt es sich hier um Duplikate, die Originale werden demnächst im Museumsneubau auf der gegenüberliegenden Anhöhe untergebracht. Fertigstellung ist für 2018 geplant.

Der Rohbau steht, verspricht in seiner Bauweise eine zurückhaltende Wirkung. Lilian Wohnhas erzählt, dass an der dem Böckstiegel Haus zugewandten Seite ein Panoramafenster eingebracht wird, durch das der Besucher Sicht auf das schöne bunte  Haus haben wird.

Schon die Außengestaltung des Hauses zeigt deutlich, hier lebte ein Künstler. Die Schnitzereien und die Farbgebung und auch die Anbauten an die ursprüngliche Kate hat der Künstler Peter-August-Böckstiegel selbst gestaltet. Frau Wohnhas erzählt, dass die kirchlichen Muster von ihm feinsinnig individualisiert wurden. So stellte er sicher, dass die Balken unverkennbar von seiner Hand dekoriert wurden und sich von allen anderen Häusern abhob.

Klein aber fein

Wir betreten, unter Führung von Lilian Wohnhas das Innere des Hauses und damit die Deele, dem wichtigsten Arbeitsraum eines Bauernhauses. Heute gekachelt, früher mit Lehmboden und erst spät unterkellert stand die arbeitsame Mutter hier, um ihre Arbeiten zu verrichten.

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Deele Böckstiegelhaus

Familie Böckstiegel

Peter- August war das fünfte von sechs Kindern und zeigte schon früh seine künstlerische Begabung. Die wirtschaftliche Lage der Eltern war nicht gerade rosig zu nennen und so wundert es, dass der junge Peter-August so viel Raum für seine Neigung bekam, wurden doch alle Hände im landwirtschaftlichen Betrieb benötigt, um die Familie zu ernähren.

Seine Bilder zeigen zu einem sehr großen Teil seine Eltern, bevorzugt seine Mutter, aber auch die restliche Familie und Nachbarn. Seine Nähe zur Heimat strahlt aus seinen Bildern, die kräftig bunt sind, die Farbe reichlich aufgetragen.

Das erste Werk, das mir Lilian Wohnhas ins Auge rückt, ist das seiner Mutter am Waschtrog. Einfühlungsvermögen hatte er ganz sicher und eine gute Beobachtungsgabe. Das Gemälde entstand 1913, als P.A. Böckstiegel gerade 24 Lebensjahre zählte.

Mutter Boeckstiegel
Mutter Böckstiegel (1913)

Die gesamte Haltung der Mutter drückt die Entbehrung und harte Arbeit aus, die sie zu leisten hatte. Auf allen Bildern wirkt sie alt. Wenn ich das Gemälde betrachte,  bin ich drin, in dieser Zeit der Entbehrungen. Die klobigen Schuhe, der Eimer, der grobe Dielenboden, deutlich erkennbar die Balken des Fachwerkes, die Mutter vermutlich bei ihrem Tun in Gedanken versunken, so wirkt sie auf mich. Der Mund eine schmale Linie, gewohnt die „Zähne zusammen zu beißen“ ?

Der junge Böckstiegel half seinen Eltern wo er konnte. So war er in aller Frühe bei Sonnenaufgang mit dem Vater auf dem Feld, es einzueggen, um dann gegen 6 Uhr in der Kunstgewerbeschule in Bielefeld an seiner künstlerischen Fortbildung arbeiten zu können.

Später verbrachte er das Winterhalbjahr in Dresden an der  Akademie der Bildenden Künste, in den Sommermonaten half er den Eltern auf den Feldern. Er blieb seinen Eltern und seiner Heimat ewig verbunden und kehrte, nachdem Bomben sein Atelier in Dresden und damit einen großen Teil seiner Werke zerstörten, wieder nach Arrode zurück.

Selbstwahrnehmung

Peter-August Böckstiegel war ein kräftiger Mann. Die Darstellung seiner selbst hatte so gar nichts mit der sichtbaren Realität zu tun. Fotos haben keine Ähnlichkeit mit diesem Gemälde.

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Selbstbildnis P.A. Böckstiegel

Landschaften

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Böckstiegelhaus im Schnee

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Es blieb nicht bei der bunten, recht aktiven Malerei. P.A. Böckstiegels, er begann schon früh Plastiken zu formen. Ziegelerde aus der Heimat dienten als Material.

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Die Mutter von P.A. Böckstiegel
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P.A. Böckstiegels Vater
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Bauernjunge aus Arrode

Auch Zeichentechniken verschiedenster Art dienten ihm als Mittel sich auszudrücken.

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Rechts wieder die Mutter

Ich habe ein Buch über Peter-August-Böckstiegel ergattert und darin noch weitere Werke gefunden, dazu noch einige Informationen über sein Leben. So erzählt er vom ersten Abend im neuen Haus in Arrode, beschreibt das Ritual des Schwarzbrot schneidens, beschreibt die Stimmung in der Familie und es entsteht ein Gefühl, als wäre man dabei.

Er erzählt von den Erlebnissen des bäuerlichen Lebens, wenn eine Sau z.B. beim abferkeln Probleme bekam und er die Ferkel aus dem Leib holen musste und seinen Stolz, wenn es vollbracht war.

Peter-August Böckstiegel heiratet 1919 seine Hanna. Aus dieser Verbindung erwachsen seine beiden Kinder Sonja und Vincent.

Der Krieg hat in ihm, wie bei den meisten Menschen, einen Bruch hinterlassen. Die Zerstörung seiner Werke in Dresden waren ein ungeheurer Verlust, von dem er sich auch nicht erholte. Er starb 1951, sechs Jahre nach seiner Rückkehr aus Dresden.

P.A. Böckstiegel – Das Peter-August-Böckstiegel-Haus in Allrode

Neben vielen Abbildungen seiner Werke,enthält das Buch einiges an informativen und gefühlvollen Texten von P.A. Böckstiegel. Das Buch aus dem Verlag Kettler hat die ISBN Nr.: 978-86206-064-1

Viele Techniken und immer ausdrucksstark

Die Aussagekraft seiner Arbeiten ist enorm, die Gesichter unglaublich ausdrucksstark. Mit Kohle, Farbkreide und Tusche, als Holzschnitt egal welche Technik, er verstand es, allem Leben einzuhauchen.

Böckstiegelhaus (26)

Sein Vermächtnis

Die Kinder Sonja und Vincent hinterlassen noch zu Lebzeiten einen 1992 gefertigten  Erbvertrag mit dem Kreis Gütersloh. Mit diesem Vertragen wurden sämtliche Werke und das Böckstiegelhaus an den Kreis Gütersloh vererbt.

Gütersloh verpflichtet sich die Peter-August-Böckstiegel-Stiftung zu gründen, das erfolgt 2008. Außerdem nennt sich seine Geburtsstadt heute die Böckstiegel-Stadt Werther und wirbt auch damit.

Ein Böckstiegelpfad führt über 15 Stationen durch die Landschaft Werthers, die ihn zu seinen Werken inspirierten.

Die Strecke zwischen Werther und Bielefeld, die er in seiner Ausbildung zu Fuß zurück legen musste wird heute mit einer Laufveranstaltung gewürdigt, dem Böckstiegel-Lauf.

Abschied mit Kaffee und Kuchen

Eine leckere Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen bilden den Abschluss dieser lehrreichen Führung, die Lilian Wohnhas mit Hingabe durch geführt hat.  Ich möchte mich hierfür noch einmal ganz herzlich bedanken. Immerhin schloss sich an meine Individualführung noch eine Führung im Rahmen „Tag des Denkmals“ an. Die ersten Helfer stehen schon in den Startlöchern, die Tische und Bänke aufzubauen.

Frau Wursthron und ich wechseln nun die Lokation und lassen uns durch den Ortskern von Werther führen.

Stadtführung Werther mit Wolfgang Hageresch

Vor der Kirche in Werther treffen wir auf Wolfgang Hageresch, einer der Stadtführer Werthers. Kurz wird abgesprochen, was besichtigt werden soll und wie umfangreich die Informationen und schon geht es los.

Werther wird erstmals 1009 offiziell erwähnt, hat also eine mindestens 1.000-jährige Geschichte. Im Jahr 1719 erhielt Werther Stadtrechte und damit einen großen wirtschaftlichen Aufschwung.

Einige sehr alte Fachwerkhäuser sind sozusagen dokumentarisch für die Art und Weise früheren Wohnens. Leider sind auch hier sehr viele alte Bauten von der städtischen Bildfläche verschwunden, als in den 1970ger Jahren die Abrissbirne als Standardwerkzeug der Gemeinden galt.

Kaufmannshaus und Handwerkerhaus

Das Kaufmannshaus wurde 1760 vom Kaufmann Joh. Fried. Bolenius gebaut. 1903 gründet August Storck, genannt Oberwelland, die Werther’sche Zuckerwarenfabrik. In dieser Zeit dient das Gebäude A. Storck als Wohn- und Kontorhaus. Später wurde es vom Sohn des Gründers bewohnt, danach als Bürogebäude der Storck AG genutzt. Heute beherbergt es die Volkshochschule Ravensberg.

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Kaufmannshaus aus 1760. Genau vom Kaufmann Johann Friedrich Bolenius
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Der linke Teil des Hauses, ab Tür, war ein Handwerkerhaus. Ziemlich schmal, aber eben dem Handwerker als Wohnumgebung zur Verfügung gestellt.

Venghauss´sches Haus vom C.-F.-Venghauss-Platz

Ein altes Handelshaus, das um 1978 ebenfalls zur Abrissdebatte stand. Dem zähen und unnachgiebigen Ringen des Dr. Lutz Hoffmann ist es zu verdanken, dass es noch steht und heute ein Vorzeigeobjekt der Stadt darstellt.

Postamt Werther

WertherStadtführung (13)
Postamt Werther Baujahr 1907/08

Gedenkstein für die Jüdische Synagoge

Seit 1994 steht hier, an Stelle der 1950 abgerissenen Synagoge, ein Gedenkstein. Der Stein erinnert nicht nur an das Haus, sondern auch an die vielen dem Holocaust zum Opfer gefallenen Menschen jüdischen Glaubens.

Ackerbürger Haus

Dazu gibt es eine Geschichte, die ich leider wieder vergessen habe und auch im Internet nicht finde. Die Menschen früher, so erinnere ich mich, gingen hier zum Kastanienbartling.  Vor dem Haus steht eine Kastanie, deshalb der Name.

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Im Jahr 1650 gebaut, von einem Bäcker und später 1805 durch den damaligen Kaufmann und Bürgermeister und später dem Schuhmacher Bartling.

Bauernjunge von P.A. Böckstiegel

Haus Werther

Das Haus Werther ist sozusagen der Mittelpunkt der Stadt mit den 11.700 Einwohnern. Es war einst ein Rittergut, im Jahr 1295 erstmals erwähnt. Bis 1938 wurde hier eine Zigarettenfabrik betrieben. Der jüdischen Eigner Weinberg wurde damals enteignet, im Jahr 1951 erhielt er das Anwesen zurück und bis 1966 wurden weiter Zigarren produziert. Heute dient das Ensemble als Bürgerbegegnungsstätte.

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Grünstreifen Werther

Erholsam ruhig und grün geht es zurück zur Kirche.  Alles wirkt ausgesprochen sauber. Die Menschen hier wissen offensichtlich die Schönheiten ihrer Heimat zu schätzen.

Wolfgang Hageresch verabschiedet sich nun von uns, er wird heute noch weitere Führungen leiten. Mit ihm war es angenehm entspannend die Stadt zu erkunden, er wusste vieles am Rande zu berichten.

Nach einem höchst leckeren Eis im  örtlichen Eiscafe´ Venezia verabschiede ich mich von Frau Wursthorn und fahre wieder heim.

Weg für Genießer – Wandertipp

95 Kilometer entlang des Teutoburger Waldes durch fünf Orte, mögliche Wanderetappen werden mit sechs Stück angeben. So bleibt viel Zeit zum genießen, fühlen und schauen. Auch hier, wie in Altenbeken, gibt es Stempelstellen, sieben Stück an der Zahl. Wer sie alle auf dem Wanderpass sammelt erhält einen Genießer-Pin und eine kleine Überraschung. Und während ich das schreibe, kommt Wandersehnsucht auf!!!

Offenlegung:

Meine Reise wurde unterstützt vom: Teutoburger Wald Tourismus

Dafür bedanke ich mich herzlich bei allen Beteiligten, in diesem Fall vor allem Frau Wursthorn und Frau Wohnhas, aber auch dem Stadtführer Wolfgang Hageresch, die mir am heutigen Sonntag noch zu ein paar informativen und schönen Stunden verhalfen.

Hinweis: Die Reise verlief mit dem Hashtag #TeutoBloggerWG und #TeuburgerWald, darunter findet Ihr auf Twitter und Instagram noch weitere Inspirationen, auch von anderen Reisen und Angeboten.Zudem wurde eine Sozialmediawall eingerichtet:

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Outdoor Blogger Codex

Transparenz und Offenheit sind für mich ein Bedürfnis. Deshalb habe ich mich per Outdoor Blogger Codex dazu verpflichtet.

Meine Leser/innen dürfen sich zu jeder Zeit darauf verlassen, dass ich meine ganz persönlichen Eindrücke wiedergebe, so auch hier.

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