„Mehr wollen, als können“ Das Gegenteil von „Da waren die Augen wieder größer als der Magen“
„Es ist so unendlich lange her, dass ich hier unterwegs war. Damals war ich schlank, fit und egal bei welchem Wetter, immer unterwegs.“ So könnten zahlreiche meiner neuen Blogbeitrag beginnen, die ich derzeit schreibe. Wie nah mir das geht und wie sehr ich mich von mutmaßlicher Meinung anderer Menschen beeinflussen lasse, davon handelt dieser Beitrag.
Mehr wollen als können
Damals: Mal eben 16 km oder auch weit mehr km wandern, kein Problem. Eine Anfahrt von
1 1/2 Stunden, nie drüber nachgedacht. Heute ist es so dass ich schauen muss, ob Wanderung und Anfahrt für mich zu stemmen sind. Meine Konzentrationsfähigkeit hat nachgelassen und der Körper meldet hinreichend Baustellen in allen Gelenken. Meine Lunge, die sich früher regelmäßig vom Smog einer Innenstadt erholen konnte (Eifelurlaube und andere Naturregionen) und scheinbar immer noch die Jahre als Raucherin nicht verzeihen mag, machen Anstiege schmerzhaft anstrengend. Welch ein driss Gefühl, wenn dann auch noch die Psyche streikt. „Ist das normal mit 70 Jahren, oder seid ihr noch fitter unterwegs?“ Tja, da ist sie wieder, die Frage, die Frau endlich mal vergessen sollte.
Früher waren die Augen größer als der Magen.
Im übertragenen Sinn bedeutet das für´s wandern. Die Vorstellung meiner Leistungsfähigkeit kollidierte gelegentlich mit meinem tatsächlichen Leistungsvermögen. Ich erinnere mich an den Eifelsteig, den ich 2019 wandernd erkundet habe, der mir sowohl Genuss, als auch extreme Schmerzen bescherten. Die Etappe 4, zwischen Einruhr und Gemünd, bin ich tatsächlich auf bergab führenden Wegen rückwärts gegangen. Oft waren die letzten Kilometer eine einzige Quälerei. Auto fahren gelang mir seinerzeit aber zuverlässig, auch auf langen Strecken.

Lediglich sechs Jahre liegen zwischen dem damals und heute. Der Leistungsabfall kam schnell. Zunächst immer wieder ignoriert, weil ja die Fotografien meiner Touren so hungrig auf weitere Abenteuer machten. Ich war stolz, dass mir touristische Regionen meine Wanderurlaube finanzierten, Meine Gegenleistung von unterwegs die sozialen Medien zu bedienen und nach meiner Rückkehr Blogbeiträge zu verfassen. Es entsprach nicht meiner natürlichen Neigung unterwegs das Handy auszupacken und all die etablierten Medien zu füttern. Aber bei allem was Frau so tut gibt es auch Herausforderungen, die nicht nur bequem sind.
Die Rente veränderte viel und Corona auch
Anfang 2020 durfte ich endlich in den Ruhestand und zeitgleich erwischte mich eine erste Corona Infektion. Damals gab es die Diagnostik noch nicht, wenn Menschen nach dieser nervigen Erkrankungen längere Zeit Schwierigkeiten hatten. Ich wollte ja auch nicht jammern. Fakt ist aber, es hat mich über Monate sehr belastet.
Keine Kooperationen mehr
Schon immer waren die Steuererklärungen anspruchsvoll, die man mit Nebenverdiensten zu fertigen hat. Mit der Rente wurde das dann noch einmal komplizierter. Ziemlich schnell wurde klar, ich gehe nicht nur in die berufliche Rente, ich stampfe auch meine Nebentätigkeit ein. Die sozialen Medien, bis auf Instagram und Facebook, gelöscht. Diesen Schritt habe ich nie bereut. Wie wichtig dieser Schritt war, stellte sich erst später heraus.
Die Kontrolle über das Schicksal verloren
Irgendwann kollabierte das Körper/Psyche System rasant, einhergehend mit drastischen Einbrüchen in meinen Lebensalltag. Ab 2022 fühlte es sich an, als wäre ein rabenschwarzer Vorhang über meinem Leben gelandet. Den Gipfel des Unerträglichen stellte der plötzliche Tod meines ältesten Sohnes im März 2023 dar. Das Lachen im Herzen ist verschwunden, das Glück ließ sich nicht mehr wiederfinden. Eine nachhaltige Besserung stellt sich erst in diesem Jahr ein.
Ich habe erkannt und weitgehend akzeptiert, dass das Leben mir Aufgaben stellte, die sich nachhaltig auf meine psychische und physische Gesundheit auswirkten. Der Körper lässt sich, trotz aller Bemühungen, nicht mehr zwingen bestimmte Grenzen zu überschreiten und ja, auch meine Leidenschaft für´s wandern und fotografieren hat nachgelassen. Mir bleiben die täglichen Runden mit Jana, die für mich im Alltag eine wichtige, stabilisierende Rolle spielt. Wenn es dann passt, breche ich zu kleinen Wanderungen auf und die sind immer super schön.
Nicht mehr „Mehr wollen als können“
Meine weibliche Verwandtschaft neigt zum alt werden und das ohne Sport oder regelmäßige Wanderungen. Die Oma, bei der ich die meisten Ferien verbrachte, war so korpulent dass ich als Kind immer von ihrem Schoß herunter zu rutschen drohte. Sport? Nein, das war so gar nicht ihr Ding. Klavier spielen trotz Rheuma, diese Leidenschaft behielt sie so lange wie möglich bei. Sie starb mit 96 Jahren.
Nach meiner Erinnerung gehörte meine Oma zu den Frauen, die immer ihren eigenen Kopf hatten, sich nicht so von anderen Menschen treiben ließen. Und oh Wunder, auch mir kommt das Leben viel angenehmer und gelöster vor, seit ich mehr darauf achte, was für mein Leben wichtig ist. Dazu gehört auch, und das fällt mir besonders schwer „Nein“ zu sagen, Verbindungen zu kappen, die mir das Gefühl vermittelten nicht genug oder gut genug zu sein.
Vergleiche dich nicht mit anderen Menschen
Immer noch bin ich versucht mich mit anderen zu vergleichen, ja mich messen zu wollen. Ein Versuch der scheitert, immer wieder. Ehrgeiz führt eben nicht immer zum gewünschten Erfolg. Ich bin ehrlich, das macht mich oft traurig. Es gibt einige Gleichaltrige, die sowohl mental, als auch körperlich erheblich belastbarer sind. Eine kleine Einführung in das Thema bietet die DAK. Wie alles im Leben hat die Gewohnheit, sich mit anderen Menschen zu vergleichen, mehrere Seiten.
Wenn ich aber unterwegs bin, und wenn es nur die täglichen Gassirunden sind, dann bin ich glücklich in der Natur zu sein. Dann ist es plötzlich egal wie lang die Strecke ist. Oft stelle ich fest, ich hätte noch länger gekonnt. Sollte ich vielleicht doch mutiger sein, mir mehr zutrauen? Doch wenn am nächsten Tag der Körper Signale sendet “ Hey, es war genug, gib mal Ruhe“, dann weiß ich, es ist gut wie es ist.
Ich bin gespannt, ob sich jemand mit eigenen Eindrücken meldet.
Leiden ist Deine Entscheidung
In der Therapie, nach dem Tod meines Sohnes, empfahl mir meine Therapeutin ein Buch „Leiden ist deine Entscheidung“ „Auf dem Weg zur inneren Freiheit“
Vollkommen unmöglich erschien mir diese These. Wie kann ich Macht über mein Leiden haben, wie kann ich entscheiden nicht mehr zu leiden? Oh nein, es hat lange gedauert, bis ich begreifen durfte, was dieses Buch mir sagen will. Heute weiß ich es, heute kann ich Wege finden von meinen selbst erdachten Wünschen und Zielen abzurücken, wenn es erforderlich wird. Abstand nehmen, gerne auch den Wunsch oder das Ziel im Auge halten, aber nicht mehr wie besessen darauf hinwirken.
Anstelle dessen entscheide ich mich das Glück zu sehen, das mir täglich über den Weg schlendert oder hüpft. So kann dieser besagte kleine Spaziergang mir kleine Wunder bescheren, sei es die Blumen am Wegrand, das Hundetier mit dem glücklichen Gesicht, wenn es so tolle Düfte in der Wiese findet. Eine Begegnung mit einem wildfremden Menschen, einem Gespräch das spürbare Nähe schenkt, nur für einen Augenblick. Die Nachbarin, die mit mir eine zweite Runde mit ihrem Hund dreht, damit wir uns noch eine Weile unterhalten können…. Ich könnte Stunden weiter erzählen, weil das Leben voll ist, mit wunderbaren Erlebnissen. Sehen sollten wir sie und spüren.
Positiv schreiben
Einen weitere Möglichkeit mich der positiven Dinge mehr zu erinnern ist, ein Positiv-Tagebuch zu schreiben. Das Abrücken von der Gewohnheit nur die lästigen, negativen Ereignisse wahrzunehmen, das macht einen riesigen Unterschied. Das daraus resultierende Gefühl ist mehr Glück, viel mehr Glück. Positiv ist aus meiner Sicht auch, die Pannen und Leistungsabfälle im eigenen Leben zu sehen und nach Wegen zu suchen trotzdem glücklich zu sein. Wir versauen uns unser Leben, wenn wir im jammern fest hängen. Jammern hin und wieder ja, aber nicht als tägliches Ritual.
Das bedeutet nicht die Realität in ein goldenes Licht zu stellen, denn die Realität kann sehr belastend sein. Nach meiner Auffassung hilft es aber wenig in Dauerschleife zu jammern. Es gibt in jedem Leben auch schöne Momente, ich möchte sie genießen.
Mehr wollen als können
Ich habe lange überlegt, ob ich mal wieder über solche persönlichen Themen so ausführlich schreiben soll. Da war er nämlich wieder, der innere Kritiker, der das Bild der zufriedenen, gesunden, immer gut gelaunten Frau aufrecht erhalten will. Gelingt mir nicht immer, das weiß ich. Es ist aber doch mein Blog und wen es nicht interessiert, der muss ja glücklicherweise nicht lesen. Mir tut es gut, hin und wieder solche Gedanken in Text fließen zu lassen. Was soll ich sagen, die Sonne scheint gerade in diesem Moment durchs Fenster und sagt „JA, es ist DEIN Blog“
Und jetzt bereite ich mich auf einen Tag mit meiner Enkelin vor, die natürlich jetzt noch pennt. Sind ja Ferien
Für heute ist genug geschrieben
Es grüßt euch Elke
Liebe Elke, auch wenn mir noch ein paar Jährchen bis zur 70 fehlen, geht es mir was zb, die Gelenke betrifft, ähnlich wie dir. Zudem ist meine frei verfügbare Zeit noch weniger geworden und die Auswirkungen des Jahres 2022 in dem ich meinen einzigen Sohn verloren habe, sind auch nicht wie man so schön sagt, an den Kleidern hängen geblieben, Jetzt heißt es, das was noch machbar ist , so weit wie möglich zu genießen. Wanderungen über 15 km will ich mir gar nicht mehr an tun. Was wirklich wichtig ist, sind die kleinen (schönen) Dinge des Lebens, von denen du ja auch geschrieben hast . Die Jahre gehen gefühlt immer schneller vorbei und unser Alter erreicht nicht jeder, von daher freue ich mich über alles, was noch machbar ist. Ich wünsche dir, dass es Aufwärts geht und dass das Leben auch für dich noch vieles Schöne. bereit hält
Herzliche Grüße,
Margot
Liebe Margot,
ja, ich erinnere mich noch gut an Deine Erzählungen über Deinen Sohn, der so tapfer war. Und ja, die Jahre fliegen nur so vorbei, den Eindruck habe ich mit fortschreitendem Alter auch. Ich bin dankbar für Jana und ich bin dankbar, dass Julia sich immer wieder bei mir einfindet. Dieses junge Leben tut mir gut! Nehmen wir die guten Dinge so reichlich wie möglich, das hilft schon ungemein.
Danke für Deine Worte und ich hoffe noch immer, dass ich meinen Po mal wieder für einen Urlaub in Bewegung setzen kann, bevorzugt Eifel und Hunsrück.
Ganz liebe Grüße und auch Dir ganz viele schöne Erlebnisse
Elke
… bin jetzt im September 70 geworden. Das Wandern hat meine Gelenke „geschmeidig“ gehalten. Aber auch bei mir sind die Strecken kürzer geworden. Waren früher 15 und mehr Kilometer kein Problem, so bin ich jetzt ( mit meiner Partnerin … ) mit 6 -10 Kilometern zufrieden. Außerdem fahre ich jetzt verstärkt E-Bike zusammen mit meinem Bruder. Alles in allem kann man sagen: man muß sich bewegen, auch wenn’s mal zwickt. Zuhause herumsitzen und schlemmen ist keine Alternative. In unserer Gegend sagen die Menschen: „Daheim sterben die Leute !“ Stimmt genau !!! Die wenigsten sind bei einem Bier an der Theke verstorben – oder ???
Guten Morgen Jürgen
während der täglichen Bewegung, die mir ja Jana schon verschafft, laufe ich mindestens 8 km täglich. Das ist meine sehr effektive und äußerst zuverlässige Fitnesstrainerin. Das Hollandrad aus dem Jahr 1980 herum, habe ich in diesem Jahr verschenkt. Daheim sein ist doch auch klasse, da kann man ja doch einiges mehr anstellen, außer herum sitzen und selbst das ist herrlich, im Sommer auf dem Balkon z.B. Jeder darf so sein, wie es am besten passt. ;-)
Ich wünsche Dir/euch einen schönen Donnerstag. Meine Enkelin und ich vergnügen uns gleich auf der Hunderunde Nr. 2
LG Elke
Liebe Elke,
ein wunderbarer Beitrag, den ich als Gleichaltriger mit eigenen Baustellen, von denen du teilweise Kenntnis hast, voll unterschreiben kann!
Heute schwanke ich – nicht wegen des Glases Sekt von gestern Abend – ob ich zu einer Runde (6,8 km) um den Bostalsee fahre (Regen oder nicht?) oder zu meinem Bruder zur technischen Hilfeleistung.
Bei ihm steht nämlich heute die gerätemäßige Umstellung auf einen anderen Telefon-/Internet-/TV-Anbieter an und demnächst die Auslieferung seines ersten E-Autos und für beides bin ich technischer Berater…
Liebe Grüße
Herbert
Guten Morgen Herbert,
na da wäre ich gespannt für welches Unternehmen Du Dich entschieden hast. Ich hatte keine Wahl, oder sagen wir, ich bin freiwillig mit Julia shoppen gefahren. Geldbörse erleichtert, Ferienkind happy.
Ganz liebe Grüße
Elke