Das Thema Wolf beschäftigt mich, nicht nur aus Sicht als wandernder Mensch, sondern auch aus Sicht derer, die Schafe, Kühe und Pferde halten. „Die Sache mit dem Wolf“ ein Buch das laut Vorwort zum Ziel hat, den Wolf als ein normales Wildtier betrachten zu können. Ob das gelingen kann, ich bin sehr gespannt.

Der Autor, Professor Dr. Dr. Sven Herzog ist studierter Förster und Mediziner. Er beschäftigt sich seit über 25 Jahren in Theorie und Praxis mit forstlichen und wildbiologischen Fragen, unter anderem als Hochschullehrer an den Universitäten Göttingen und Dresden. So steht es auf der Rückseite des Buchcovers. Es ist auch nicht das erste Buch, dass er verfasst hat. Zum Thema Wolf und Wald finden sich beim Kosmos Verlag weitere Veröffentlichungen.

Die Sache mit dem Wolf

Der Autor geht mit seiner Betrachtung auf den Menschen, im Zusammenhang mit dem Wolf, um Millionen von Jahren zurück. Nicht alles ist wissenschaftlich belegbar, so schreibt er. Einige Erklärungen sind Schlussfolgerungen aus Knochenfunden z.b.

In der Inhaltsübersicht werden folgende Kapitel aufgeführt.

  1. Von Wölfen und Menschen
  2. Auf den Hund gekommen
  3. Bestie oder bester freund-Mythen und Fakten
  4. Wie gefährlich ist der Wolf
  5. Eine Art verschwindet
  6. Und kehrt zurück
  7. Sozioökologie der Wölfe-eine kurze Einführung
  8. Konflikte- mit Wölfen oder zwischen Menschen
  9. „Some animals are more equal…“: der Wolf im Recht
  10. Wildtiermanagement-Schlüssel zum miteinander
  11. Wölfe „entnehmen“ oder bejagen?
  12. Wolf- wie weiter?

Lesen nicht leicht gemacht

Eines ist klar, dieses Buch ist kein Märchenbuch mit romantisierenden Vorstellungen und es ist nicht einfach zu lesen. Der Autor hat Studienabschlüsse und entsprechend wissenschaftlich ist seine Betrachtung, aber auch seine Art zu formulieren. So manchen Fachausdruck musste ich mir erstmal im Internet erklären lassen. Unzählige Quellennachweise zeigen, er hat sich eingelesen und nicht einfach fabuliert. Meine Lesezeit war, wie beim wandern, daher eher gemütlich.

Sagen und Mythen füllen unter anderem die Seiten dieses 248 starken Buches, unterbrochen von bildlichen Darstellungen. Romulus und Remus, bekannte Figuren der Entstehungsmythologie Roms, aber auch der aus dem Dschungelbuch bekannte Mogli zeigen, wie sehr der Wolf die Menschen, auch in unseren Breitengraden, fasziniert. Wie weit verbreitet dieses so unterschiedlich wahrgenommene Tier in den Geschichten vieler Völker ist, überrascht mich dann doch. Es ist gar nicht so lange her (um 1720), dass ein Mann als ein angeblicher Werwolf hingerichtet wurde.

Zwischen Mitleid, Angst und Schadenfreude

In Märchen taucht der Wolf als Verführer, als Täuscher und Killer auf und doch hatte ich persönlich Mitleid mit dem Wesen, das doch nur seiner Natur folgt. Sagt eine Menge über mich aus, ich weiß. Wie unterschiedlich aber ein einzelnes Märchen wie z.B. „Rotkäppchen und der Wolf“ interpretiert wurde, war mir nicht bekannt. Später wird der Wolf in Comics teils als Depp dargestellt. So viele Sichtweisen auf eine einzelne Tierart. Dieses Buch holt die Erinnerungen an wundervolle Werke schreibender, aber auch Filme machender Menschen ans Tageslicht.

Die Realität ist aber für unseren Umgang mit dem Wolf der wichtigere Aspekt. Sven Herzog bringt Zahlen über Wolfsangriffe auf Menschen und auch über tödliche Ausgänge dieser Angriffe. Tollwut ist einer der möglichen Auslöser für derartige Angriffe, wobei hier all zu oft die Labor Ergebnisse fehlen.

Ich mag Wölfe, aber ich möchte ihnen natürlich lieber nicht im Wald begegnen und hier nimmt der Autor eine realistische Haltung ein. JA, der Wolf wird, wenn er die Gelegenheit hat und sein Opfer schwach erscheint, auch den Menschen angreifen.

Der Wolf geht und kommt wieder

Auch hier spannend zu lesen warum der Wolf bekämpft wurde, wie er zu uns rüber wanderte und was der „Eiserne Vorhang“ mit der Wanderschaft der Wölfe zu tun hat. Auf jeden Fall ist er jetzt wieder hier und sorgt für Wirbel und teils starke Emotionen.

Nebenher streut Sven Herzog auch immer noch interessante Aspekte ein, wie z.B. das Rotwild  Ausrottungsgebot in Baden-Württemberg und Bayern. Für mich schon eine derbe Überraschung, dass zum Vorteil der Forstwirtschaft Rotwild unerwünscht ist. Wo Rotwild fehlt, sollte auch der Wolf fehlen, es sei denn es gibt genug Nutztiere für den Speiseplan.

Und dann ist er da, der Wolf. Das Kapitel „Sozioökologie der Wölfe“ sollte nur eine kurze Einführung sein, erläutert aber viele grundsätzliche Themen, die ein Verständnis dafür entwickeln können, wieso ein Wolfsrudel so lebt, wie es lebt. Welch beinahe planerischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit ein Wolfsrudel seine Welpen groß ziehen kann, es wird hier beschrieben.

Die leichter verfügbaren Nutztiere sind ein beliebtes Ziel der Wölfe, auch hierzu gibt es aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtete Situationen, unter anderem der durch die Nutztiere geleistete Naturschutz.  Die Folgen der zunehmenden Wolfsrisse könnten schwerwiegend sein. zudem belasten sie, aufgrund der fälligen Ausgleichzahlungen, extrem hohe Kosten. Auch auf das durch Tier Leid entstehende menschliche Leid, ist Thema in diesem Abschnitt des Buches. Die vielschichtige Betrachtungsweise gefällt mir ausnehmend gut.

Wir entscheiden nicht allein

Internationales Recht, EU-Recht, Deutsches Recht. Da mischen viele mit, bei der Stellung des Wolfes, seinem Schutz, aber auch seinem eventuell „erforderlichen“ Tod. Wie komplex dieses Thema ist, können wir hier erfahren und wir haben noch keine Lösung für die anstehenden Probleme.

Schon der Titel Wildtiermanagement – Schlüssel zum Miteinander ist für mich so logisch. Wie es aber in unserer bürokratischen Welt nun mal ist, wir haben den Schlüssel noch nicht gefunden. In diesem Kapitel erfahren wir etwas zum Monitoring, das in Teilen offenbar ganz gut funktioniert. Informationen auswerten und sie dann für gezielte Taten zu nutzen, da hapert es wohl noch. Da gibt es reichlich Ansatzpunkte.

Bei allen Lösungsversuchen sind wir auf Sieg und Niederlage, auf Versuche angewiesen. Was für den einen funktioniert, macht für den Anderen gar keinen Sinn. So ist das auch in Sachen Herdenschutz. Während die Wölfe immer mehr werden, wird nach Lösungen gesucht. Der Autor Sven Herzog beleuchtet die bisherigen Erkenntnisse.

Zuletzt nimmt sich Sven Herzog die Entnahme einzelner oder mehrerer Tiere vor. Auch hier gibt es unterschiedliche Lösungsansätze. Genau hier knallen aber auch die extrem verhärteten Fronten der Wolfsbefürworter und Wolfsgegner aufeinander.

Ein Buch, das sich lohnt gelesen zu werden. Es hat mich überzeugt, weil es eines nicht tut, polarisieren. Es ist ein Buch ÜBER den Wolf. Um aus der verknöcherten „Ich bin dagegen“ oder „Ich bin dafür“ Haltung ein Stück weit heraus zu kommen, bietet sich dieser Lesestoff geradezu an.

Die Sache mit dem Wolf
(c) Kosmos Verlag

Die Sache mit dem Wolf

EAN / ISBN 978-3-440-18098-3
Art Nr. 18098
AutorInnen / IllustratorInnen Sven Herzog
Seitenzahl 248
Produktart Hardcover
Erscheinungstag 17.11.2025

Offenlegung:

Das Buch wurde mir, zwecks Besprechung, vom Kosmos Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür.